Buchrezension: Heike Westedt „Schreck lass nach!“

Überblick

Heike Westedt legt mit ihrem Buch „Schreck lass nach! Der Einfluss von Stress und Angst auf Gehirn und Verhalten“ ein sehr durchdachtes und logisch konsequent aufgebautes Werk vor, mit dem sie sich vor allem an Besitzer_innen von sogenannten ‚Problemhunden‘ wendet. Ihr Buch soll eine Brücke zwischen Wissenschaft und Alltag schlagen, um so ein effektiveres Training zu ermöglichen. Dabei geht die Autorin äußerst klug vor und widmet sich zunächst der Theorie, um dann mit Fallbeispielen zum anschließenden praktischen Teil überzuleiten. „Schreck lass nach!“ ist bei Edition Cum Cane erschienen und für 17,95 € im Buchhandel erhältlich.

Das Buch im Detail

Theorieteil

Zunächst versorgt Heike Westedt die Leser_in mit den notwenigen theoretischen Grundlagen und erläutert einfach sowie verständlich, welche Prozesse bei der Wahrnehmung und der darauf folgenden Informationsverarbeitung im Hund ablaufen.  Von diesen inneren Prozessen leitet Heike Westedt über zu den äußerlichen und somit für uns sichtbaren Zeichen, also der Körpersprache des Hundes. Anhand von Fotos und Beispielen bekommt die Leser_in eine mögliche Einteilung der körperlichen Signale des Hundes in einen grünen, gelben und roten Bereich an die Hand. Diese Einteilung hilft dann in der praktischen Arbeit, das Training entsprechend anzupassen und den Hund in einem Bereich zu halten, in dem er überhaupt lernen kann.  Des Weiteren erläutert Heike Westedt auch die vier Fs, die dem Hund zur Verfügung stehenden Verhaltensweisen, um einen Konflikt – sei er innerlich oder äußerlich – zu lösen oder eine für ihn unangenehme Situation zu beenden. Diese ordnet sie dem gelben Bereich zu.

In den beiden folgenden Kapiteln erklärt die Autorin sehr fundiert und trotzdem äußerst verständlich die im Hund ablaufenden Prozesse beim Auftreten von Angst und Stress. Hierbei grenzt Heike Westedt zunächst deutlich den Begriff Angst von den Begriffen Unsicherheit, Furcht, Phobie und Trauma ab. Auch das Thema Stress – sowohl der kurzfristige als auch der lang anhaltende – wird verständlich erklärt. Die dabei im Gehirn auftretenden Prozesse stellt Westedt mit dem Beispiel einer Autobahn anschaulich und profund dar. Für Leser_ innen mit erhöhtem Wissensbedarf stellt Westedt zwei farblich abgesetzte Theorieteile mit wissenschaftlichen Fakten zu den Themen Angst und Stress zur Verfügung. Hier verbirgt sich auch der einzige, wenn auch sehr kleine Wehmutstropfen bei der Lektüre dieses Buches: Das Buch verfügt zwar über ein kleines Literaturverzeichnis, jedoch sind in dem Theorieteil keine Quellenangaben vermerkt. Dies erschwert – sollte die Leser_in den Wusch verspüren an der einen oder anderen Stelle vertiefend sich belesen zu wollen – die Recherche nach der zitierten Quelle. Doch wer nun meint, er müsse sich erst durch einen langatmigen Theorieteil quälen, um dann endlich zu den ersehnten praktischen Hilfen zu kommen, der irrt. Schon hier im theoretischen Teil des Buches schlägt die Autorin der Leser_in Aufgaben vor. Eine davon ist z.B. eine Liste mit Dingen, die der Hund gerne mag  und in welchen Situationen er mit Stress reagiert, zu erstellen.

Beispiele für Stressoren
Lohnenswerte Investition für das Training: Eine Liste der Stressoren. Sind diese definiert, können die Themen nacheinander angegangen werden. Foto: Anja H.

Fallbeispiele

Nach diesem aufschlussreichen Theorieteil leitet Heike Westedt mit Fallbeispielen gekonnt zum folgenden, sich dem Training widmenden Teil des Buches über. Auch die Fallbeispiele sind gut ausgewählt und decken eine große Bandbreite unterschiedlicher Angst- und Stressproblematiken bei Hunden sowie bei einer Katze ab.

Training und Hilfsmittel

Logisch konsequent folgt den Fallbeispielen der Abschnitt zu den Trainingsmethoden und möglichen Hilfsmitteln.  Auch hier bleibt sie ihrem Stil treu und legt der Leser_in zunächst die aktuellen Erkenntnisse zur Lerntheorie dar, um dann konkrete Vorschläge zur Arbeit mit dem Hund anzuregen. Dies tut die Autorin auf zwei Ebenen: Zum einen empfiehlt sie eine gezielte Aktivierung der Hirnareale, die der Stressantwort im Gehirn entgegen wirken. Beispielhaft sei hier der Einsatz der Nasenarbeit genannt. Diese rege zum Nachdenken an und spiele somit der im Stress aktivierten Amygdala sowie dem Mandelkern entgegen. Außerdem könne gerade die Nasenarbeit, erklärt Westedt, zur klassischen Gegenkonditionierung sowie dem Auftrainieren eines Alternativverhaltens genutzt werden. Zum anderen verweist die Autorin auf die Notwenigkeit eines guten Managements und einer wertschätzenden Haltung dem Hund gegenüber. So verwehrt sie sich jedweder aversiven Methoden im Hundetraining.

Hindernisse und Ablenkungen beim Training
Ein Tipp aus dem Buch von Heike Westedt: Was hindert oder lenkt meinen Hund und mich beim Training ab? Foto: Anja H.

Trainingskarten

Für das Auftrainieren der wichtigsten Elemente finden sich im Buch ebenfalls übersichtliche Trainingskarten. Diese führen z.B. die einzelnen Schritte zum Auftrainieren eines Entspannungswortes oder zum Aufbau eines Klickers auf. Diese kann sich die Leser_in aus dem Buch heraustrennen und laminiert zum Training mitnehmen. Ergeben sich beim Üben Fragen, so führen die auf den Karten vermerkten Verweise mit Seitenzahlen direkt zu dem entsprechenden Theorieteil im Buch.

Abschließend geht Westedt zusammenfassend noch auf die Trainingsplanung ein. Auch hier berücksichtigt sie wieder viele wichtige Aspekte, wie den Aufbau von Ritualen,  ein besonnenes Management und ein kleinschrittiges Vorgehen. Abgerundet wird dieser Teil durch eine Checkliste der wichtigsten Trainingsprinzipien.

Fazit

Für „Schreck lass nach!“ von Heike Westedt ist eine klare Leseempfehlung auszusprechen! Die Autorin nimmt die Leser_in an die Hand und hilft ihr das eine oder andere „merkwürdige“ Verhalten eines Hundes zu verstehen. Reaktionen, die zuvor überraschten, sind nun verständlich, können eingeordnet und vor allen Dingen bearbeitet werden. Zugleich räumt das Buch mit überholten Trainingsempfehlungen auf, besinnt sich auf eine vertrauensvolle sowie wertschätzende Arbeit mit dem Vierbeiner und ebnet somit schreckhaften Fellnasen den Weg zu einem entspannteren Alltag. Und nicht zuletzt ist Heike Westedts Buch so wunderbar, weil es die Leser_in mit handfesten Argumenten gegen die üblichen gut gemeinten Ratschläge ausstattet, wenn der eigene Hund wieder einmal eine Situation nicht perfekt bewältigen konnte.

 

Westedt, Heike (2013): Schreck lass nach! Der Einfluss von Stress und Angst auf Gehirn und Verhalten. Ohne Ort: Edition Cum Cane. ISBN: 978-3-940083-00-5, 17,95 €

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