Hunde in der Schule? Wirkung der hundegestützten Pädagogik

Die hundegestütze Pädagogik gewinnt im deutschen Raum zunehmend an Bedeutung und die Zahl der an Schulen eingesetzten Hunde steigt stetig. Meist ist der vierpfötige Lehrer der beliebteste Kollege sowohl bei den Schüler_innen als auch bei den Mitgliedern des Kollegiums.

Die an der Universität Rostock tätige Andrea Beetz erforscht die Effekte von Schulhunden im Unterricht und kann diese wissenschaftlich bestätigen. Sie stellt damit die individuellen Erfahrungen der Lehrkräfte, die Hunde im Unterricht integrieren, auf ein wissenschaftliches und damit objektives Fundament. Darüber hinaus liegen aus dem angelsächsischen Sprachraum Untersuchungen vor, die die positiven Effekte der hundegestützten Pädagogik im Unterricht ebenfalls bestätigen.

Bevor ich im Folgenden zusammendfassend auf die Ergebnisse der Wissenschaft eingehe, sei ein Hinweis erlaubt: Bevor ein Hund den Unterricht in einer Schule begleiten darf, sind viele bürokratische Hürden zu überwinden und diverse Genehmigungen einzuholen. Mehr Informationen zu den gesetzlich-administrativen Voraussetzungen für den Schulhundeinsatz können dem Link folgend recherchiert werden.

Positive Effekte von Hunden im Unterricht

Besondere Wirkung erzielen Hunde – und dies allein durch ihre Anwesenheit – auf der sozial-emotionalen Ebene. Der Vierbeiner wirkt als sozialer Katalysator sowohl zwischen Schüler_innen als auch zwischen Schüler_innen und Lehrer_in. So integriert der Hund Schüler_innen, die am Rande der Klassengemeinschaft stehen, da er zum einen ohne Vorbehalte sowie mit bedingungsloser Akzeptanz auf alle Schüler_innen zugeht und zum anderen die Schüler_innen durch den Hund wieder ins Gespräch miteinander kommen. Insbesondere männliche Jugendliche in der Pubertät, aber auch zunehmend Mädchen, finden durch den Hund eine „Image-kompatible Möglichkeit für freundliches Verhalten und Körperkontakt“ (Retzlaff 2002, zit. in Beetz 2012: 52).

Hergovich et al. (2002) sowie Kotrschal und Ortbauer (2003) beobachteten in einer dreimonatigen Untersuchung folgende Effekte durch die Anwesenheit von Hunden im Unterricht. Die Schüler_innen waren weniger Zeit an ihrem Platz, es traten jedoch alle Formen des aggressiven Verhaltens signifikant weniger auf. Generell waren diese Veränderungen bei beiden Geschlechtern zu finden, jedoch wurde vor allem extremes Verhalten bei Jungen abgemildert. Des Weiteren schenkten die Schüler_innen der Lehrerperson mehr Aufmerksamkeit. Die hundegestützte Pädagogik wirkte sich in einem sehr kurzen Zeitraum von nur drei Monaten positiv auf das Klassenklima, das Sozialverhalten sowie auf die allgemeinen Lernvoraussetzungen aus (Hergovich et al. 2002, zit. in Beetz 2012: 54-56; Kotrschal/Ortbauer 2003, zit. in Beetz 2012: 54-56; Prothmann 2007: 29, zit. in: Agsten 2009: 123).

Beetz (2011) kann nachweisen, dass bereits die Anwesenheit eines Hundes einmal pro Woche die Lernfreude und die positive Einstellung zur Schule signifikant verbessert. Demgegenüber untersuchen mehrere Experimente von Gee et al. (2007, 2009, 2010a/b) die Auswirkungen der hundegestützten Pädagogik auf das allgemeine Lernverhalten. Die Schüler_innen machen weniger Fehler, führen die Aufgaben genauer aus und fordern weniger Hilfen vom Lehrer ein. Die Wissenschaftler interpretierten ihre Ergebnisse dahingehend, dass ein Hund Kinder stärker motiviere, ihre Konzentration fördere sowie möglicherweise zur Entspannung und zum Abbau von Stress beitrage (Beetz 2011, zit. in Beetz 2012: 56; Gee et al. 2007, 2009, 2010a/b, zit. in Beetz 2012: 58, Greiffenhagen 1991: 41-42, zit. in: Agsten 2009: 119).

Das Bindungshormon Oxytocin in der hundegestützten Pädagogik

Vor diesem Hintergrund wird in den letzten Jahren besonders die Bedeutung des Hormons Oxytocin im Mensch-Tier-Kontakt diskutiert, welches über sensorische Stimulation eines Netzwerkes von Nerven freigesetzt wird. Wissenschaftlich gut belegt sind sowohl die physiologischen als auch die psychologischen Effekte des Oxytocins.

Hundegestützte Pädagogik in der Schule
Beim Streicheln des Hundes wird das sogenannte „Kuschelhormon“ Oxytocin, ein Gegenspieler von Stresshormonen, ausgeschüttet. Foto: Anja Helling

Auf der physiologischen Ebene wirkt Oxytocin gesundheitsfördernd, indem es den Spiegel von Stresshormonen verringert, die Herzfrequenz vermindert, den Blutdruck senkt und die Funktion des parasympathischen Nervensystems sowie des endokrinen Systems aktiviert. Letztere sind für Erholung, Verdauung, Heilung und Wachstum zuständig. Auf der psychologischen Ebene vermindert das Hormon Oxytocin in Zusammenhang mit sozialem Stress stehende Angst, stimuliert soziales Miteinander sowie Pflegeverhalten, fördert Beziehungen und vermindert Depressivität sowie Aggressivität. Damit einhergehend wird die soziale Kompetenz, die Empathie und eine positivere Selbstwahrnehmung gefördert (Amico et al. 2004; Björkstrand et al. 1996; Cardoso et al. 2011; Carter et al. 1995; Domes et al. 2007; Dreifuss et al. 1988; Fahrbach et al. 1984; Guastella et al. 2008; Guastella et al. 2009; Heinrichs et al. 2003; Jonas et al. 2008; Kendrick et al. 1986; Kendrick et al. 1997; Keverne/Kendrick 1992; Kirsch et al. 2005; Legros et al. 1988; Neumann et al. 2000; Ohlsson et al. 2005; Pedersen et al. 1982; Petersson et al. 1999a, 1999b, 2005; Rimmele et al. 2009; Savaskan et al. 2008; Uvnäs-Moberg 1989, Uvnäs-Moberg et al. 1994; Widstrom et al. 1988; Zak et al. 2005, 2007; alle zit. in Beetz 2012: 76f.) .

Die Parallelen zwischen den Effekten eines Schulhundes und den Effekten durch das Hormon Oxytocin lassen einen Zusammenhang vermuten, so dass in der Folge die Wissenschaft überprüfte, ob sich die Effekte von Tieren auf Menschen auf eine Ausschüttung von Oxytocin zurückführen lassen. Odendaal (2000, zit. in Beetz 2012:78), Odendaal und Meintjes (2003, zit. in Beetz 2012: 78), Handlin et al. (2011, zit. in Beetz 2012: 79) sowie Nagasawa (2009: 79) bestätigten in empirischen Untersuchungen diesen Zusammenhang. Hierbei konnten die Wissenschaftler feststellen, dass sowohl bei Körper- als auch bei längerem Blickkontakt der Oxytocinspiegel bei Mensch und Hund anstieg. Entscheidend dafür, ob und in welcher Menge Oxytocin ausgeschüttet wird, ist jedoch die Qualität der Beziehung zwischen Mensch und Hund. Dies bezieht sich sowohl auf die Beziehungsrichtung Mensch zu Hund als auch Hund zu Mensch. Topal et al. (1998, zit. in Beetz 2012: 93) belegte, dass die allermeisten Hunde eine Bindung zu ihren Besitzer_innen und engen Kontaktpersonen aufbauen. Leider ist diese jedoch nicht immer als sicher einzustufen (Topal et al. 2005, zit. in: Beetz 2012:93). Folglich ist in der hundegestützten Pädagogik und der Arbeit mit dem Schulhund auf eine besonders gute Qualität der Beziehung zwischen der Schulhundführer_in und dem Hund sowie der Bezugsgruppe/-klasse und dem Hund zu achten (Beetz 2012: 105).

Wirkungsweisen von Hunden bei Kindern mit unsicheren oder orientierungslosen Bindungsmustern

Ein weiteres Phänomen in der Mensch-Tier-Beziehung ist die Tatsache, dass Menschen jeden Alters berichten, sie fühlten sich von ihrem Tier so angenommen, wie sie eben seien. Diese uneingeschränkte von Tieren Menschen gegenüber gezeigte Akzeptanz wird als Aschenputtel-Effekt bezeichnet. Auch wenn sich Lehrer_innen um diese uneingeschränkte Akzeptanz ihrer Schüler_innen bemühen, wird diese häufig nicht so empfunden. Gerade Kinder mit unsicheren Bindungsmustern und schlechter Vorerfahrung sind eher misstrauisch anderen Menschen gegenüber und übertragen ihre Beziehungsmuster sowie -erfahrungen auch auf die Beziehung zur Lehrer_in. Hier setzt die hundegestützte Pädagogik an, denn es liegt somit die Vermutung nahe, dass auch beim Aschenputtel-Effekt das Oxytocinsystem durch den Kontakt zum Tier eine Rolle spielen könnte. Hieraus ließe sich die durch Tiere verursachte positivere Selbstwahrnehmung, die wiederum auf dem Gefühl der uneingeschränkten Akzeptanz basiert, ableiten (Beetz et al. 2011, zit. in Beetz 2012: 79; Kurdek 2008, zit. in Beetz 2012: 79; Beetz 2012:79f, 87-94).